Baden-Württemberg ist das Sterne-Land der Republik. Nirgendwo in Deutschland stehen mehr Michelin-Sterne pro Quadratkilometer als zwischen Schwarzwald, Bodensee und Kaiserstuhl. Dahinter steckt eine Verbandsstruktur, die diese Dichte seit Jahrzehnten organisiert: die DEHOGA Baden-Württemberg. Vom Stuttgarter Sitz aus bespielt sie Politik, Ausbildung und mit der Intergastra die wichtigste Branchenmesse Süddeutschlands. Wer in BW kocht, serviert oder eine Pension führt, kommt am Verband selten vorbei. Und wer die Branche verstehen will, schaut zuerst nach Stuttgart, dann ins Schwarzwaldtal und an die Promenade von Friedrichshafen.
DEHOGA BW: Zahlen & Fakten
Der Landesverband sitzt in der Stuttgarter Augustenstraße und vertritt rund 25.000 Mitgliedsbetriebe. Präsident ist Fritz Engelhardt, selbst Gastwirt im Schwarzwald, was ihm bei den Familienbetrieben Glaubwürdigkeit verschafft, die ein reiner Funktionär nicht hätte. Hauptgeschäftsführer Daniel Ohl steuert das operative Geschäft und ist in den Stuttgarter Medien das Gesicht zu Themen wie Mehrwertsteuer, Personalmangel und Sperrzeiten.
Unter dem Landesverband hängen vier Bezirksverbände entlang der Regierungsbezirke Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg und Tübingen. Darunter wiederum sitzen rund 35 Kreisverbände, oft ehrenamtlich geführt von langjährigen Gastronomen. Diese Struktur macht den Verband im Flächenland anschlussfähig: Ein Wirt aus dem Kinzigtal hat denselben kurzen Draht zum Kreisvorsitzenden wie ein Hotelier in Heilbronn. Der Mitgliedsbeitrag finanziert Rechtsberatung, Tarifverhandlungen mit der NGG und die Lobbyarbeit im Landtag.
Daneben unterhält DEHOGA BW eigene Fachgruppen für Hotellerie, Speisegastronomie, Schank- und Vergnügungsgastronomie sowie Caterer. Jede Gruppe wählt Sprecher und liefert Input für politische Positionen. Diese Aufteilung sorgt dafür, dass ein Pizzeria-Betreiber in Mannheim nicht im selben Topf landet wie ein Wellnesshotel im Hochschwarzwald. Branchenstatistiken erhebt der Verband regelmäßig selbst und veröffentlicht Konjunkturumfragen zwei Mal im Jahr, die in den Stuttgarter Zeitungen oft als Branchenbarometer zitiert werden.
Aufgaben & Schwerpunkte
Politisch liegt der Schwerpunkt auf dem Stuttgarter Landtag. DEHOGA BW verhandelt mit dem Wirtschaftsministerium über Förderprogramme für den ländlichen Raum, mit dem Tourismusministerium über Marketingbudgets und mit dem Finanzministerium über Hebeesätze bei Beherbergungsabgaben. In Baden-Württemberg gilt seit Jahren ein vergleichsweise pragmatischer Umgang mit Sperrzeiten, was der Verband als Verhandlungserfolg verbucht. Die grün-schwarze Landesregierung wird je nach Thema scharf kritisiert oder gelobt: bei Tourismusoffensiven gibt es Beifall, bei Tarifautonomie und Lieferkettengesetz oft Gegenwind.
Inhaltlich dominieren vier Regionen die Agenda. Der Schwarzwald als Ganzjahresdestination mit Wellnesshotellerie und Sternegastronomie. Der Bodensee mit Saisonbetrieben, Fischrestaurants und grenzüberschreitendem Tourismus Richtung Schweiz und Österreich. Stuttgart als Messe- und Kongressstandort, der die Stadthotellerie trägt. Und die Weinregionen Baden und Württemberg mit Strausswirtschaften, Vinotheken und gastronomischen Konzepten rund um Riesling, Lemberger und Spätburgunder. Jede dieser vier Säulen bekommt eigene Arbeitskreise und eigene politische Kampagnen.
Querschnittsthemen sind Fachkräftemangel, Energiekosten und der Umgang mit Buchungsplattformen. Beim Personal arbeitet DEHOGA BW eng mit den Auslandsvertretungen und der Arbeitsagentur zusammen, um Köche aus Indien, Vietnam und vom Westbalkan ins Land zu holen. Bei Energie und Pacht setzt der Verband auf Sammelverträge, die kleine Betriebe einzeln nie verhandeln könnten.
DEHOGA BW & Ausbildung
In Sachen Ausbildung spielt DEHOGA BW eine Sonderrolle, weil der Verband mit der Hotelfachschule Heidelberg eine eigene Bildungseinrichtung betreibt. Die Schule bildet staatlich geprüfte Hotelbetriebswirte und Küchenmeister aus und zieht Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet an. Wer in Heidelberg abschließt, hat in der südwestdeutschen Hotellerie sofort einen Namen.
Daneben sitzt der Verband in den IHK-Prüfungsausschüssen für die klassischen Berufe Koch, Restaurantfachfrau und Hotelfachfrau, ebenso bei den neueren Profilen Fachkraft Küche und Fachmann für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie. Berufsschulstandorte sind über das Land verteilt, mit Schwerpunkten in Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg und Bad Überkingen. Praktisch heißt das: Ein Azubi aus dem Schwarzwald lernt im Block in Bad Überkingen, ein Stuttgarter Azubi in der Landeshauptstadt selbst.
Für Quereinsteiger bietet DEHOGA BW Modulkurse zu Hygienerecht, Personalführung und Betriebswirtschaft an. Diese Seminare laufen über die Heidelberger Fachschule oder in regionalen Hotels. Wer einen Familienbetrieb übernimmt, ohne klassisch gelernt zu haben, findet dort einen halbwegs schnellen Weg zum Sachkundenachweis. Auch die Sommelier-Ausbildung mit Schwerpunkt badische und württembergische Weine wird in Kooperation mit dem Weinbauverband angeboten.
Intergastra Stuttgart
Alle zwei Jahre verwandelt sich die Messe Stuttgart in das Schaufenster der südeutschen Branche. Die Intergastra ist nach der Internorga in Hamburg die zweitgrößte Gastromesse Deutschlands. DEHOGA BW ist ideeller Träger und gestaltet das Rahmenprogramm zusammen mit der Messe Stuttgart. Die nächsten Termine liegen 2026 und 2028 jeweils im Februar.
Ausgestellt wird die ganze Wertschöpfungskette: Großgeräte für die Küche, Geschirr, Möbel, Getränke, Kassensysteme, Software für Reservierung und Personaleinsatz. Besonderheit ist der starke Anteil an Handwerksbäckern, Eishersteller und Sommelier-Wettbewerben. Für einen Wirt aus dem Schwarzwald oder vom Bodensee ist die Intergastra meist die einzige Messe im Zwei-Jahres-Zyklus, die er tatsächlich besucht. Wer Aufträge akquirieren will, ist hier richtig, wer Trends scoutet ebenfalls.
Auf rund 100.000 Quadratmetern bringt die Messe regelmäßig über 1.300 Aussteller und mehr als 90.000 Fachbesucher zusammen. Sterne-Köche kochen live, Barista-Meisterschaften werden ausgetragen, und der Deutsche Gastro-Gründerpreis findet hier seine Bühne. Wer in Süddeutschland ein Konzept eröffnen will, holt sich auf der Intergastra Kontakte zu Brauereien, Weingütern und Banken in einer Dichte, die kein anderer Termin bietet.







